Tamborini Vini – Lamone

Vino, Arte e Passione

Ein paar wenige bunte Blätter klammern sich müde an die herbstlichen Büsche, während die letzten Lavendelblüten ihren Duft in den Nebel hauchen: Das malerische Tessiner Dorf Castelrotto fröstelt der Winterpause entgegen. Doch halt! Einige Kleinwagen mit italienischem Kennzeichen bevölkern die Strasse, dann taucht ein roter BMW auf. Hinter dem Steuer erkennt man eine Bommelmütze. Darunter steckt Valentina Tamborini, eine Mischung aus anmutiger Principessa, Speedy Gonzales und gewiefter Geschäftsfrau, wie sich später herausstellen wird. «Always on», schlagfertig, schlau und bildschön – einer der vielen guten Jahrgänge aus dem Hause Tamborini!

Tamborini

Das Geschäftsfrauen-Gen hat Valentina bestimmt von ihrer Urgrossmutter Angiolina geerbt. Sie war es, die 1911 an der Via Pessina in Lugano das Ristorante Tamborini eröffnete, ihre Liebe zum Wein mit ihren Gästen teilte und an ihren Sohn Carlo weitergab. Sie ahnen es: Carlo wäre kein Tamborini, hätte er nicht zukunftsträchtige Ideen gesponnen und das Familienbusiness erweitert. In den Vierzigerjahren legte er den Grundstein zum Import-Geschäftszweig der Tamborini Vini und importierte anfänglich vor allem italienische Weine in grossen Korbflaschen à 50 Liter.

In Bice fand Carlo die Liebe seines Lebens, Sohn Claudio krönte diese Liebe und machte ihr Glück perfekt – bis 1969. Carlos plötzlicher Tod riss die kleine Familie auseinander und katapultierte sie auch wirtschaftlich in eine schwierige Lage. Claudio war gerade erst 19 Jahre alt und trotz fundierter Ausbildung an der Weinbauschule in Lausanne noch unerfahren. Die Fussstapfen seines Vaters erschienen arg gross. «Bice war schon damals eine starke Frau», beschreibt Valentina ihre heute bald 95-jährige Grossmutter. «Wäre sie vernünftig gewesen, hätte sie eigentlich alles aufgeben und verkaufen müssen, aber sie machte Gott sei Dank weiter.» Die Witwe hielt trotz grosser Trauer und nagender Verzweiflung an den Träumen der Familie fest. Sie nahm ihren Sohn Claudio an der Hand und führte gemeinsam mit ihm das Vermächtnis von Angiolina und Carlo in die Zukunft. Die beiden begeisterten weitere Lieferanten aus Italien, Spanien und Frankreich für ihr Importgeschäft und bauten die Weinkellerei in Lamone sukzessive aus.

1983 pflanzte Claudio Tamborini die ersten Weinstöcke in Comano/Ai Brughi. Es sollten nicht die einzigen bleiben: Heute hegen und pflegen die Tamborinis 30 Hektaren Rebfläche, was ungefähr der Fläche der gleichen Anzahl Fussballfelder entspricht, sowie 30’000 Rebstöcke auf rund zehn Weinbergen. Sie produzieren jährlich 700’000 Flaschen Wein.

Tamborini

«Ich liebe diese Arbeit, sie hat etwas Meditatives. Ich muss jede Pflanze mit blossen Händen berühren und dann verstehen, wie sie weiterwachsen will.»

Die Thermoskanne gefüllt mit Ingwertee, die Bommelmütze zurechtgezupft, die Timberlands geschnürt: Valentina trabt auf dem Familienweingut «Vallombrosa» in Castelrotto am gleichnamigen Bed & Breakfast vorbei und hoch zum Weinberg. Heute wird sie ein weiteres Mal beim Schnitt der Reben mithelfen. «Ich liebe diese Arbeit, sie hat etwas Meditatives. Ich muss jede Pflanze mit blossen Händen berühren und dann verstehen, wie sie weiterwachsen will und wie sie uns am meisten Frucht bringt.» Deswegen gehören Handschuhe heute nicht zu Valentinas Ausrüstung. «Dann habe ich halt mal zerschundene Hände, was soll’s!» Principessa, ja. Auf der Erbse? Keinesfalls – nicht Valentina! Gemeinsam mit ihrem Agronomen Pierluigi Alberio, ihrem Cousin Mattia Bernardoni und weiteren fleissigen Helfern ist sie von Anfang Dezember bis im März mit ihren Rebstöcken auf Du und Du. Schneidet, bindet und entscheidet bei jedem Schnitt aufs Neue über die Ernte des nächsten Jahres. «Entscheidend für den Ertrag und die Qualität ist die Anzahl Augen – Knospen –, die wir stehen lassen», erklärt die studierte Winzerin. Ihr Wissen eignete sie sich an der University of Gastronomic Sciences in Bra im Piemont an. Allerdings liegt nicht alles in Menschenhand. «Wie gut ein Weinjahrgang wird, hängt zu einem grossen Teil vom Wetter ab, und dieses können wir nicht beeinflussen.» Auch im Tessin kann ein später Wintereinbruch den Reben zusetzen und die jungen Triebe beschädigen.

«Man muss den Wein in der Stille abfüllen,
damit man hört, wie das Fass langsam voll wird.»

Seit jeher am Herzen liegt Valentina ein respektvoller Umgang mit der Natur. «Wenn die Erde uns nichts mehr gibt, verdienen wir auch kein Geld mehr.» In ihrer Abschlussarbeit setzte sie sich mit der Frage auseinander, wie sich der Rebbau im Malcantone durch den Anbau von interspezifischen Rebsorten – genannt PIWI – aufwerten lässt. Die neuen Sorten – Generationen von Kreuzungen europäischer und amerikanischer Rebsorten – sind unter anderem resistenter gegen Pilze und gedeihen prächtig mit nur zwei Spritzungen im Jahr. Die Umwelt dankt’s und den Winzer freut’s.

Mit der Unterstützung ihres Agronomen Pierluigi Alberio nahm Valentina die Realisierung ihrer Idee gleich selbst in die Hand und pflanzte 2012 fünf PIWI-Rebsorten auf ihrem Weingut in Madonna del Piano. Ecco: Valentinas Forschung im Ticino ward geboren! «Am Anfang war papà nicht unbedingt begeistert von meinem Forschungsprojekt. Aber jetzt steht er voll und ganz dahinter – weil es funktioniert!», sagt Valentina stolz. Ein wenig nervös blickt sie der Stunde der Wahrheit dennoch entgegen: 2019 wird sich nämlich zeigen, wie der erste Wein aus den PIWI-Trauben mundet.

Tamborini
Tamborini

Pünktlich mit dem Zehn-Uhr-Geläut der Castelrotter Dorfkirche fällt der Nebelvorhang: Blauer Himmel über Vallombrosa, so weit das Auge reicht. Fast könnte man meinen, «Victor» kneife geblendet von der Tessiner Sonne die Augen zusammen. Mit seinen viereinhalb Metern Höhe ist der Schutzpatron des Weinguts aber auch wirklich nahe am Licht. Sein Schöpfer Victor Prior hobelte, schnitzte und schliff ihn aus einem einzigen Baumstamm; er sollte als Geschenk seine Freundschaft mit Claudio Tamborini besiegeln.

Die Liebe zur Kunst treibt übrigens auf dem ganzen Weingut Blüten. Da und dort findet man entlang des Philosophenwegs, der durch Vallombrosa führt, Skulpturen lokaler Künstler. Im Bed & Breakfast stand sogar für jedes Zimmer ein Künstler mit seinem Namen Pate. So heisst Valentinas Lieblingszimmer, die Nummer 7, mit vollem Namen wesentlich klangvoller: Edmund Doberzansky. In der Nummer 10 hinterliess ein Künstler gar seine Spuren an der Wand. «Es ist ein bitzeli… verdorbe», scherzt Valentina in breitem Tessiner-Schweizerschriftdeutsch à la Christa Rigozzi und öffnet die Türe zum Schlafraum. Das Kunstwerk des Bellenzer Künstlers Nando Snozzi ziert alle Wände im Schlafzimmer und ist beeindruckend. Wer wissen will, wie es aussieht, buche das Zimmer Nummer 10 und schaue selbst. Dass der Humor bei Tamborinis nicht zu kurz kommt, spürt man gleich. Selbst bei Kälte und harter Arbeit wird gelacht, herumgealbert und das Leben zelebriert. Trotzdem ahnt der aufmerksame Beobachter, dass sich Valentina nur mit hundertfünzigprozentigem leidenschaftlichem Einsatz zufriedengibt.

Diese Vermutung bestätigt sich nach der Ankunft im Weinkeller in Lamone, dem Sitz des Familienimperiums. Im Kellergewölbe umarmt sie kurzerhand eines der edlen Eichenholzfässer: «Man muss den Wein in der Stille abfüllen, damit man hört, wie das Fass langsam voll wird.» Sagt’s und schmiegt ihr Ohr fest an das Holzbehältnis, das dem reifenden Wein einen Hauch von Barrique spendet.

Das Fass trägt den kostbaren Saft der Trauben, um die es den Tamborinis 2018 ein paar Mal bange war. So drohten im März und April heftige Hagelschauer die jungen Trieblein zu zerschmettern. «Fast einen Meter hoch stapelten sich die Hagelkörner. Unsere Netze konnten der Last nur knapp standhalten. Andere lokale Winzer verloren 50 Prozent ihrer Ernte», erinnert sich Valentina. Und weil es dem Tessiner Wetter 2018 weder nach Zurückhaltung noch nach Ausgeglichenheit zumute war, kippte es die Wassermassen eines ganzen Jahres bis Ende Juli zwischen Airolo und Chiasso aus. Im August war dann ausser der Sonne nichts mehr übrig. Die Trockenheit dörrte das Tessin wochenlang gnadenlos aus und stellte die Winzer ein weiteres Mal vor eine harte Probe. Auch für die Tamborinis war es ein Jahr voller ungewisser Momente, die nachdenklich und demütig stimmten. Valentina ist überzeugt: «Wir verdanken es unserem Agronomen Pierluigi, dass wir eine so reiche Ernte einholen durften. Er ist der Beste!»

Das eingespielte Dreamteam – Valentina, Cousin Mattia und Agronom Pierluigi – wird auch 2019 zusammenstehen, das Beste aus den Trauben herausholen und Tamborini-like neue Ideen aushecken. Dass es ein Jahr voller Feste werden wird, ist jetzt schon klar: 75 Jahre Tamborini Vini, 50 Jahre Geschäftstätigkeit von Claudio Tamborini und die Übergabe der operativen Geschäftsleitung an Valentina und Mattia – langweilig wird es in Lamone ganz bestimmt nicht. «Wer weiss, vielleicht eröffne ich auf Vallombrosa ein Yoga Retreat? Ich habe so viele Ideen …»

Logo Tamborini

Famiglia Tamborini kurz und bündig

Winzer:
Pierluigi Alberio

Lage:
Tessin; Sottoceneri, Sopraceneri

Rebflächen:
30 Hektaren

Weinsorten:
Merlot

Distribution:
u.a. Direktvertrieb, Lieferungen in die ganze Schweiz

Import:
500’000 Flaschen

Produktion:
700’000 Flaschen