Les Fils Rogivue – Chexbres

Winzerfamilie mit und aus Tradition

Montag, 17. September, früh am Morgen: Die Sonne kauert noch hinter den Bergwipfeln, die Strassen schlängeln sich einsam durchs Dorf – Chexbres liegt in tiefem Schlummer. Ausser der Rue du Cotterd: Aus der Nummer 6 hallt in Kaffeeduft eingehüllt leises Lachen, acht strohbehütete Menschen wuseln in freudiger Aufregung durch die stattliche Holztür; hinaus in die kühle Morgenluft, hinein in den kleinen Bus. Ihr nächster Halt? «Les Fosses» – einer der Weinberge der Les Fils Rogivue. Es ist Zeit, die goldfarbene Ernte einzubringen.

Jean-Daniel Rogivue pilotiert den Kleinbus sicher durch die terrassierten Weinberge des Lavaux, eine als UNESCO-Welterbe eingetragene Landschaft. Mit seinem Zwillingsbruder Jean-Paul spielte er schon als Kind zwischen den Rebstöcken, hüpfte über die 800 Jahre alten Mauern, die einst von Mönchen aufgeschichtet wurden, ging seinem Papa und Grossvater zur Hand und stibitzte die eine oder andere Traube, die wegen des kleinen Lausbuben nie zum edlen Tropfen gären sollte.

Les Fils Rogivue

Fast scheint es so, als würden die Rogivues die Liebe zur Winzerei im Erbgut tragen: Auch die jüngsten Sprösslinge der Familie, Jean-Paul Rogivues Söhne François und Benoît, erlagen dem Charme der «Trois Soleils de Lavaux», besuchten die Haute école de viticulture et oenologie in Changins und schnupperten im Aargau und im Bündnerland Deutschschweizer Winzerluft: «Jede Domaine hat ihre Eigenheiten. Obwohl wir das auch in der Theorie lernen, ist die Anwendung in der Praxis dann doch ganz anders. Das Handwerk von Grund auf zu studieren, draussen im Weinberg anzuwenden und zugleich eine andere Schweizer Mentalität zu erleben – für mich war das der perfekte Start in den Winzerberuf», resümiert François Rogivue. Seine blau-grünen Augen leuchten, wenn er von seinem Beruf und damit von seiner Berufung schwärmt: «Winzer zu werden war schon immer mein Traum. Ich liebe es zu beobachten, wie die Reben wachsen und gedeihen, wie die Trauben langsam reifen, und bin jedes Jahr aufs Neue überwältigt, dass uns die Natur mit der Ernte so reich belohnt.».

Der Herbstbeginn ist für François alljährlich ein grosses Fest. Auch wenn er meist sehr früh am Morgen aufsteht und die Arbeit hart ist, überwiegt das Positive bei Weitem: «Ich bin mein eigener Chef, arbeite vor der eigenen Haustür und liebe, was ich tue. Und – das ist das Allerwichtigste – ich tue es für mich, für die Generationen vor mir und für die Rogivues, die hoffentlich noch kommen.»

An der Rue du Cotterd 6 schwingt indes im 2. Stock ein Fenster auf. Ein freundliches Frauengesicht schiebt sich durch die Öffnung und blinzelt in die Vormittagssonne. Voilà, das muss François‘ Oma sein – die Maman von Jean-Daniel und Jean-Paul. Sie alle bewohnen das schmucke écrufarbene Haus mit den tannengrünen Holzläden. Schliesslich hat der Winzer dort zu sein, wo sich der Traubensaft zu Wein wandelt und die Kunden ein und aus gehen. Jean-Daniels Hausschlüssel passt zur Tür im ersten Stock. Diese öffnet er übrigens mit rechts – anders als sein linkshändiger Zwilling. Jean-Paul steigt jeden Tag noch ein paar Treppenstufen höher hinauf als sein Bruder: Er bewohnt mit seiner Familie den dritten Stock. Obwohl – oder gerade weil – drei Generationen der Rogivues Haus, Keller und Weinberg teilen, braucht es Raum für Privatsphäre: «Chacun sa cuisine!». Jean-Paul schätzt die Verbundenheit mit seiner Familie, aber genauso wertvoll sind ihm seine eigenen vier Wände. «Wir streiten uns eigentlich nie. Als Zwillingsbrüder ist das vielleicht üblich? Wir haben häufig dieselben Ideen oder kennen die Antworten des anderen bereits im Voraus. Und wenn‘s mal schwierig wird, finden wir mühelos einen Kompromiss.»

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«Winzer zu werden war schon immer mein Traum. Ich bin jedes Jahr aufs Neue überwältigt, dass uns die Natur mit der Ernte so reich belohnt.»

Doch ganz so idyllisch ist das Leben der Waadtländer Winzer dann doch nicht. Zumindest nicht stets so tiefenentspannt wie man jetzt meinen könnte. Einer Sturmfront gleich überzieht nämlich kurz vor dem Mittag eine geschäftige Nervosität die pittoreske Szenerie: 1 200 Kilo Trauben in zwei Sammelbütten sind soeben angeliefert worden und sollen gepresst werden – just in dem Moment streikt die Technik. Die Pumpe im Keller besteht auf ihren Launen und verweigert den Dienst nach Vorschrift. Dennoch: So richtig aus der Bahn werfen lassen sich die Winzer nicht. Sie besänftigen den Übeltäter und das hochbeinige silberne Presswerk schnauft wieder unablässig süssen Traubensaft aus. «564 kg!», schallt es aus dem Hinterhof. Die Erntearbeiter hieven mit purer Muskelkraft die letzte Trauben-Sammelbütte vor der Mittagspause in die Schleuse zum Presswerk. Das ging gerade nochmal gut.

Saucissons, Kartoffeln und Lauch: Verlockend schwebt der Duft durch den Hinterhof und lotst die inzwischen vom Weinberg zurückgekehrten Arbeiterinnen und Arbeiter zu Tisch. Eiligst verschwinden sie alle im Haus. Die nächste Stunde gehört ihnen, dem Schatten und der Erholung.

«So lange die Trauben nicht im
Keller sind, kann alles passieren!»

Die drei Sonnen des Lavaux waren im 2018 besonders fleissig und schmeichelten den Reben. Dementsprechend herausragend ist die Qualität der Trauben. «Da ist die Sonne am Himmel – die Nummer eins. Sie wird vom See reflektiert – das ist die zweite Sonne. Die Mauern tanken tagsüber das natürliche Sonnenlicht und geben die Wärme in der Nacht wieder ab. So wirken sie wie eine dritte Sonne.» Ginge es nach François, zählte das Lavaux vier Sonnen: «Die Nummer vier, das ist der Winzer!» – sagt‘s und blinzelt mit einem strahlenden Lachen in die Sonne.

Bei für einen Mittseptembertag aussergewöhnlichen – gefühlten – 30 Grad teilen sich die Erntearbeiter in «Les Fosses» die Arbeiten. Die Frauen schneiden die Trauben von der Rebe, die Männer tragen die prallvollen Hotten auf dem Rücken hinunter zu den Sammelbütten. Starke Männer sind das: Immerhin hieven sie pro Gang das Gewicht von sieben vollen Weinkartons – gegen die 45 Kilogramm. «So lange die Trauben nicht im Keller sind, kann alles passieren!».

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Jean-Paul weiss um die Risiken, die ihre Abhängigkeit von der Natur birgt. So raubte ihnen im Jahr 2005 ein Hagelsturm fast die gesamte Ernte und verletzte die Reben so stark, dass sie auch im Folgejahr weniger Frucht brachten. «Deswegen werden wir aber nicht depressiv. Natürlich schmerzt es, seine Reben so zu sehen. Aber wir machen immer weiter und geben unser Bestes. Es kommen auch immer wieder Jahre wie 2018, die uns doppelt entschädigen.»

Die Schritte der Erntearbeiter ermatten mit der Sonne, die bedächtig vom Himmel gleitet. Der zweite Tag der «Vendange» setzt mit reicher Beute zum Feierabend an: 12‘000 Kilo Chasselas-Trauben ruhen nun sicher in den glänzenden Tanks, wo sie unter liebevoller und fachkundiger Hand zum «St. Saphorin Les Fosses» reifen. In den Worten des Profis ein trockener, süffiger Weisswein mit feinem Bouquet. Na dann Santé! Im April 2019 wird der junge Wein so reif sein, dass er sich neben Fondue, Schinkengipfeli oder einer deliziösen Seezunge vollmundig in Szene setzen kann.

Bis dahin wachen die Rogivues und die Hellebarden an der Wand vor dem Kellerraum über dem pubertierenden Traubensaft. Apropos Hellebarden: Könnten diese sprechen, wüssten sie bestimmt einiges zu berichten. Weit mehr als nur Weingeschichten und Jahrgangsanekdoten: Sie würden wohl von der letzten Fête des Vignerons 1999 schwärmen und uns ihre zentrale Rolle in der historischen Infanterie-Elitetruppe «Les Cent Suisses» glaubhaft machen wollen. Wir würden ihnen die Ehre erweisen und dazu gratulieren – wohl wissend, dass die eigentlichen Helden der Fête des Vignerons die traditionell uniformierten Cent Suisses sind. François wird sich 2019 eines der roten historischen Gewänder mit Schweizerkreuz auf der Brust überziehen und durch die Arena in Vevey defilieren. Die Hellebarde geschultert – versteht sich von selbst. Sein Papa Jean-Paul und sein Onkel Jean-Daniel werden die Szenerie mit Stolz verfolgen. Sie selbst sind leidenschaftliche Anhänger des Winzerfests und zählen als Confrère und Conseil de la Confrèrie zum Kern der Bruderschaft. Nach 20 Jahren des Wartens steht die nächste Fête des Vignerons nun endlich bevor: 2019 kann also nur ein Jubeljahr werden. Die Basis für den neuen Millésime könnte besser nicht sein, und die nächste Generation Rogivue hält den Stab bereits fest umschlungen: In den Weinbergen und in der Arena.

Logo Rogivue

Les Fils Rogivue kurz und bündig

Winzer:
Brüder Jean-Daniel und Jean-Paul Rogivue mit François und Benoît Rogivue

Lage:
Chexbres VD – im Lavaux

Rebflächen:
9,5 Hektaren – 17 Parzellen

Reblagen:
Pierre Neyres, Les Fosses, Tour de la Paleyre, Bellevue, Les Embleyres

Weinsorten:
St. Saphorin, Dézaley, Chasselas, Syrah, Pinot Noir

Distribution:
Direktvertrieb (60 %), Grossisten (30 %), Restaurants (10 %)

Produktion:
90’000 Liter pro Jahr aus 110’000 kg Trauben