Bioweingut Lenz – Uesslingen

Der Bioturbo aus dem Thurtal

Karin und Roland Lenz setzen auf eine kompromisslose Biobewirtschaftung ihrer Weinberge – und sind damit äusserst erfolgreich: Die innovativen Winzer aus dem Thurtal nehmen die Zukunft des Rebbaus in der Schweiz vorweg. 

Oben auf dem Iselisberg, rund 500 Meter über Meer, hält der Wanderer inne, um die Landschaft zu geniessen. Sein Blick schweift über endlose Rebenreihen, das in der Maisonne silbern glitzernde Band der Thur, die schiere Weite des sanft ansteigenden Tals bis zu den schneebedeckten Alpengipfeln. Sechs Viertausender sind bei klarer Sicht in der Ferne auszumachen. Niemand lässt diese grandiose Aussicht kalt.

Lenz

Von Warth mit der Kartause Ittingen, die zu den wichtigsten Kulturdenkmälern der Region zählt, bis Ossingen – über fast zwölf Kilometer und rund 140 Hektaren erstrecken sich die Rebparzellen. Längs- und Querreihen wechseln sich ab und bilden einen grün schattierten Flickenteppich. Jahr für Jahr dürften rund 840’000 Flaschen den Weg von hier zu den Weingeniessern finden.

Der «Iselisberger» wird auf 55 Hektaren angebaut. Das macht den Iselisberg zum grössten zusammenhängenden Rebberg im Thurgau. Blauburgunder und Müller-Thurgau mit 50 beziehungsweise 30 Prozent sind die dominanten Sorten. Hobbywinzer und Grosskellereien sorgen jedoch dafür, dass unter dem Label «Iselisberg» eine bemerkenswerte Vielfalt an Weinen mit individueller Handschrift vermarktet wird.

Dem achtsamen Wanderer fällt auf, dass eine grosse Parzelle mehrfach durch freie Flächen mit Naturwiese, Bäumen, Büschen, Steinhaufen, aufgeschichtetem Fallholz und einem XXXL-Insektenhotel unterteilt ist. Schon hat ihn ein drahtiger Fünfziger entdeckt und steigt zwischen zwei Rebenreihen hoch, um ihm beredt den Sinn und Zweck dieser so genannten Biodiversitätsflächen zu erklären. Es ist Roland Lenz, den sie in Weinkreisen auch den «Bio-Turbo» nennen und der mit ersten Laubarbeiten beschäftigt ist.

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings öffnen sich die die Knospen. Überall am Stamm und an der Rute, die vom Winterschnitt verschont wurden, spriessen sie. Für die Rebleute ist es Zeit, Hand anzulegen und die überzähligen kleinen Knospen und Jungtriebe auszubrechen – eine der wenigen Arbeiten, die bis heute von keiner Maschine übernommen werden kann. So wird Platz für die grossen Triebe geschaffen. «Sonst sähe die Rebe im Sommer aus wie ein Busch, der in alle Richtungen wächst», sagt Roland Lenz. «Zudem werden dadurch die Trauben später besser durchlüftet und sie erhalten auch unter dem Schutznetz genug Sonne.» Das Netz schützt nicht nur gegen Hagelschlag sowie vor Vogel- und Wespenfrass, sondern auch vor Sonnenbrand.

Die Neugier des Wanderers, der sein Brot als Journalist verdient, ist geweckt. Das Bioweingut Lenz bewirtschaftet eine 18 Hektaren grosse Rebfläche. Es wären sogar 21 Hektaren möglich. «Wir haben jedoch 15’000 Rebstöcke ausgerissen, um die entsprechende Fläche der Natur zurückzugeben“, erläutert Lenz. Nur der unbedarfte Laie würde dieses Land als unproduktiv bezeichnen. Hier tummeln sich nämlich allerlei Nützlinge, aber auch Schädlinge, die sich sozusagen die Waage halten. Dabei müssen die Biodiversitätsflächen so attraktiv sein, dass die Schädlinge die Trauben in Ruhe lassen. So können Traubenwickler und Milben ohne Spritzmitteleinsatz in Schach gehalten werden; die Schlupfwespe macht Jagd auf die Kirschessigfliege, die 2014 zum ersten Mal aufgetaucht ist und grosse Schäden anrichtet.

Die Insektenhotels nennt Roland Lenz «Lebenstürme». Zusammen mit den Lernenden hat er sie ausschliesslich aus Naturmaterialien errichtet. Statt Nägel halten Hanfseile ihr mehrere Meter hohes Gerüst zusammen. Dass sich der Aufwand lohnt, zeigt sich für ihn nur schon darin, dass bereits erste Wiedehopfe und Mauswiesel gesichtet wurden.

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«Das Ausbrechen im späten Frühjahr ist einer der wenigen Arbeitsschritte im Rebbau, der bis heute von keiner Maschine übernommen werden kann.»

Die Krönung in seinen Rebbergen stellen indes die neuen pilzresistenten Sorten dar, die so genannten Piwis. Nahezu zwei Drittel der Fläche sind mit nicht weniger als 34 verschiedenen Neuzüchtungen bepflanzt. Namen wie Léon Millot, Maréchal Foch oder Solaris sind bereits bekannt, andere der neuen Sorten müssen noch mit einer Züchtungsnummer Vorlieb nehmen: GF 48-12, Cal 32-7 oder 1-28.

Das Weingut betreibt die erste biologische Rebschule der Schweiz. Neue Hoffnungsträger wachsen im Muttergarten heran. Nach sechs bis acht Jahren trennt sich die Spreu vom Weizen, erfolgversprechende Züchtungen werden weiterverfolgt. Es dauert rund 20 Jahre, bis eine neue Sorte marktreif ist. «Sobald Neuzüchtungen verfügbar sind, die mehrere Gene gegen verschiedene Pilzerkrankungen besitzen, werden wir den Sortenspiegel wieder umstellen», erklärt Roland Lenz.

Die Experimentierlust hängt auch damit zusammen, dass Karin und Roland Lenz, beide mit Jahrgang 1970, vor einem Vierteljahrhundert keinen etablierten Betrieb übernommen haben, sondern quasi bei Null anfangen konnten. «Tradition spielte keine Rolle, wir genossen völlig Narrenfreiheit», sagt der umtriebige Pionier der schweizerischen Biowein-Bewegung. «So konnten wir von Beginn weg lernen, konsequent biologisch zu arbeiten.»

«Tradition spielte keine Rolle, wir genossen völlige Narrenfreiheit.»

Ihn treibt an, den übergrossen ökologischen Fussabdruck des Weins zu verkleinern. Das macht Sinn, denn in Europa werden 40 Prozent aller Fungizide in den Rebbergen ausgebracht, die mit für Pilzkrankheiten anfälligen Sorten bestückt sind – dabei macht die Anbaufläche bloss fünf Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche aus.

Einer raschen Umstellung auf Piwi-Sorten steht oft die Tradition im Weg. Denn in vielen Weingegenden sind die alteingesessenen – heiklen – Sorten gewissermassen gottgegeben, und auch die Konsumenten sind nur schwer von ihren Gewohnheiten wegzubringen. Immerhin, mittlerweile rümpfen auch Kenner nicht mehr präventiv die Nase, wenn eine Flasche Piwi-Wein kredenzt wird.

Dass Vorbehalte nicht angebracht sind, weiss die wachsende Kundschaft des Bioweinguts Lenz. Seine Weine aus robusteren Trauben belegen in Blinddegustationen auf nationaler wie internationaler Ebene regelmässig vorderere Ränge. 2018 wurden Karin und Roland Lenz bereits zum zweiten Mal nach 2015 als «Schweizer Biowinzer des Jahres» ausgezeichnet. Ein Blick in die Kundenkartei offenbart, dass ihre Weine bis hinauf nach Finnland geschätzt werden.

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«Der Einsatz synthetischer Pflanzenschutzmittel wird in der Schweiz über kurz oder lang nicht mehr erlaubt sein“, ist Roland Lenz überzeugt. Und: «Der Bio-Landbau ist die einzige Überlebenschance der hiesigen Landwirtschaft.» Mit seinen Ansichten hält Roland Lenz nicht hinter dem Berg zurück, auch auf die Gefahr hin, dass er aneckt. Ein solches Thema ist etwa die Initiative für sauberes Trinkwasser. Keine Frage, Roland Lenz stellt sich voll und ganz hinter das Anliegen – in Winzerkreisen alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Ortswechsel. Mit einem vollelektrischen BMW i3 fahren wir zum Bioweingut am östlichen Ende des Weilers Iselisberg. Noch der letzte Quadratmeter Dach ist mit Photovoltaik bestückt. Dort, wo sich sonst Fuchs und Hase gute Nacht sagen, lässt sich auf einem Rundgang schon heute erkennen, wie das Weingut von morgen aussehen wird. Alles ist durchdacht und auf Nachhaltigkeit getrimmt. «Seit dem Neubau von 2015 sind wir weltweit das erste energieautonome Weingut», sagt Roland Lenz voller Stolz.

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«Der Bio-Landbau ist die einzige Überlebenschance der hiesigen Landwirtschaft.»

Dafür hat das Ehepaar Lenz kräftig investiert: von der gut gedämmten Gebäudehülle – selbstverständlich stammt das Holz aus hiesigen Wäldern – über die Erdsonden-Wärmepumpe mit vier Erdsonden, die vertikal bis in eine Tiefe von je 210 Metern eingebracht wurden, bis zum hochisolierten Kühlhaus mit Abwärmenutzung. In einem Raum voller Batterien können 300 Kilowattstunden Strom gespeichert werden. So produziert das Weingut Lenz jährlich 90’000 Kilowattstunden Strom, hiervon wird ein Drittel ins öffentliche Netz eingespeist. Die Solartankstelle – momentan hängt ein BMW i8 Roadster an der Steckdose – steht Kunden kostenlos zur Verfügung. «Diese Dienstleistung wird noch selten nachgefragt», bedauert Roland Lenz. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Das Weingut Lenz nennt sich «das Weingut mit dem Ozean dazwischen», und das geht auf eine Rucksackreise nach Chile im Jahr 1993 zurück. Dort werden weitere Weine produziert (siehe Box). Dank dem Spagat zwischen der Alten und der Neuen Welt hat der Weintrinker die schöne Qual der Wahl: Fast 50 qualitativ hochstehende Weiss- und Rotweine aus 36 Traubensorten können degustiert und erworben werden, darunter auch Naturweine, die neuerdings wieder nachgefragt werden, und solche aus «gemischtem Satz».

Dabei werden die Traubensorten nicht erst im Keller zur Assemblage zusammengestellt, sie stammen aus einem Rebberg mit wild durcheinander gemischten Sorten, wie das früher üblich war. «Noch ausgeprägter als bei Bioweinen ergibt das stets ein Unikat, da die Sorten jedes Jahr unterschiedlich gut reifen und unterschiedliche Erträge abwerfen», erläutert Karin Lenz.

Karin und Roland Lenz waren keine Quereinsteiger, als sie 1994, dem Jahr ihrer Heirat, sieben Hektaren Reben erwarben. Er wuchs auf einem kleinen Weinbaubetrieb in der Nähe auf, lernte zuerst Winzer und schloss als Winzerneister ab; sie stammt aus dem Zürcher Weinland und half schon in jungen Jahren auf dem benachbarten Weingut bei der Wümmet mit. Später war sie im Verkauf und der Hauspflege tätig.

Mut bewiesen die beiden schon damals, als sie zwar die erste Ernte verkauften, dann aber viele Rebstöcke ausrissen. Sie wollten biologisch arbeiten, und das ist mit den europäischen Sorten Blauburgunder und Müller-Thurgau nur erschwert möglich. Die erste Parzelle wurde bereits 1994 mit den Piwis Regent und GF 84-12 bestockt. Nach einer harten vierjährigen Durststrecke konnten Karin und Roland Lanz die ersten Trauben ernten. Als Biowinzer nahmen – und nehmen – sie zehn Prozent Minderertrag in Kauf.

Dass die beiden gewiefte Vermarkter sein müssen, um die jährliche Produktion von 200’000 Flaschen abzusetzen, versteht sich von selbst. Auch in dieser Hinsicht scheinen ihrem Ideenreichtum keine Grenzen gesetzt, wie zwei eigens kreierte Labels zeigen, die auf die Alleinstellungsmerkmale des Weingutes verweisen: «Biodiversität pur» (mit dem Wiedehopf auf einem goldenen Rebenblatt) heisst das eine, das andere «pesticide free».

Heute bewirtschaftet ein achtköpfiges Team das stetig gewachsene Bioweingut, zu dem auch die beiden Kinder gehören. Der 23-jährige Pascal absolviert ein Jus-Studium, seine zwei Jahre jüngere Schwester Rahel studiert Agro-Wissenschaft. Sie müssen ihr Studium selber verdienen, in dem sie im elterlichen Betrieb dort eingesetzt werden, wo man sie braucht.

Logo-Lenz

Bioweingut Lenz kurz und bündig

Winzer:
Roland und Karin Lenz

Lage:
Schweiz Iselisberg TG und Chile 8. Region BioBio

Rebflächen:
Schweiz 21ha davon 3ha vernetzte Biodiversität und 18ha bestockt, Chile 18ha

Reblagen:
Iselisberg TG, Neunforn TG, Ossingen ZH, Hallau SH, in Chile Valle Itata

Weinsorten:
total vinifizieren wir über 70 verschiedene Weine…

Distribution:
50% Private, 40 Fachandel, 10 Gastro

Produktion:
Schweiz 200000FL (60% Weiss, 40% Rot), Chile 80000FL (98% Rot)